Warnung: In diesem Text geht es um sexuellen Missbrauch!

Am 26.01.21 hatten wir, der Grundkurs Katholische Religion MSS 12 von Frau Schweighoffer, einen Unterrichtsbesuch von Herrn Thomas Mann zu dem Thema der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Herr Mann ist Präventionsbeauftragter des Bistums Speyer und klärt in Seminaren über die Prävention, die Schutzkonzepte und die beginnende Aufarbeitung auf.

Eingestiegen sind wir mit der MHG-Studie (2018), einem innerkirchlichen Forschungsprojekt zur Thematik sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch Angestellte der katholischen Kirche. In dieser Studie sind zentrale empirische Befunde zu Tätern und Beschuldigten enthalten. Ergebnisse dieser Studie zeigten, dass in über 38.000 Personalakten von Klerikern 1670 Hinweise auf Beschuldigungen gefunden wurden. Allerdings kann man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist und zwischen der ersten Tat und dem ersten Vermerk in den Akten einige Jahre liegen. Auch sind 42,3 % der Beschuldigten mehrfach beschuldigt worden und bei ca. 28 % könnten pädophile Präferenzen vorliegen. Hierbei ist es wichtig zu betonen, dass es sich um keine abgeschlossene und überwundene Thematik der katholischen Kirche handelt.

Warum machen Menschen so etwas? In der Studie zeigte sich, dass alle Täter psychosozial vorbelastet waren, was sich beispielsweise durch mangelnde soziale Kompetenz, Reifungsdefizite, Substanzmittelmissbrauch und Überforderung bei der Erfüllung von Dienstpflichten zeigte. Die Täter zeigten selten Reuegefühle und häufig sah man Tendenzen, die Schuld und Verantwortung bei anderen zu sehen oder diese zu leugnen.

Bei über 80 % der Fälle war die Tat geplant und durch verschiedenartige Methoden (z. B. Ausübung psychischen Drucks, Ausnutzung von Autorität und emotionaler Bindung, Androhung und Ausübung physischer Gewalt) herbeigeführt. Darüber hinaus rückten die Täter die Tat in ein anderes Licht, sodass die Kinder und Jugendlichen fälschlicherweise dachten, dies geschehe aus religiösen oder gesundheitlichen Gründen.

Was sind eventuelle Ursachen für sexuellen Missbrauch speziell in der katholischen Kirche? Thomas Mann kritisierte den Umgang mit Macht in der katholischen Kirche. Als Beispiel nannte er die Priesterweihe als öffentlichen Unterwerfungsritus. Es handelt sich um einen alten Ritus, zu dem nur Männer zugelassen sind. In der symbolischen Unterwerfung leisten Diakone und Priester öffentlich ihrem Bischof einen Treueschwur. So wird die Macht des Bischofs öffentlich untermauert. Umgekehrt erhält der Geistliche die Loyalität seines Bischofs. Ein starkes (Männer-)Bündnis entsteht. Falls nun ein Priesteramtskandidat, der seine Homosexualität aus Angst vor Ablehnung durch die Kirche verschwiegen hat, in einer solchen Zeremonie seine Treue dem Bischof verspricht, ist dieser Schwur schwer belastet. Diese Schieflage steigert die Risiken für negative Entwicklungen erheblich.

Im Verlauf des Vortrags hatte jeder die Möglichkeit, Fragen zu stellen, auf welche Herr Mann sehr differenziert und kritisch der katholischen Kirche gegenüber geantwortet hat. Durch Fallbeispiele haben wir gemeinsam Methoden erarbeitet für den Fall, dass man eine solche Situation mitbekommt oder selbst erlebt. Uns ist dabei klar geworden, wie wichtig es ist, sofort „NEIN“ zu sagen, wenn einem etwas unangenehm ist oder man etwas nicht möchte. Darüber sollte man dann mit einer Vertrauensperson oder einem Erwachsenen sprechen. Niemand muss sich dafür schämen und keiner ist in einer solchen Situation allein!

Bei dem Vortrag hat uns besonders gut gefallen, auch aus eigenen Reihen der Kirche eine ehrliche, persönliche und unvoreingenommene Meinung zu hören. Interessant war außerdem, dass Herr Mann persönlichen Kontakt sowohl zu Tätern als auch zu Betroffenen hatte. Positiv ist uns zudem aufgefallen, dass er so offen das Versagen der Kirche bei der frühzeitigen und genauen Aufklärung der Missbrauchsfälle ausgesprochen hat, denn heute sind viele Fälle schon verjährt oder die Beschuldigten leben nicht mehr. Insgesamt war der Vortrag sehr aufklärend und lehrreich, sodass die Sicht auf diese Fälle differenzierter wurde und der eigene Horizont über deren Ausmaß und den momentanen Aufklärungsstand erweitert wurde. Wir finden es wichtig, dass darüber auch in der Schule aufgeklärt und gesprochen wird, weil jeden dieses Thema betreffen kann. Wir bedanken uns bei Herrn Mann für seinen Vortrag!

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