3 Stunden Schreib-Workshop – sie waren fast zu kurz. Intensive Übungen mit Anleitungen und Anregungen, Schreibtipps und No-Gos boten ein Schnuppern ins literarische Schreiben. Figuren entwerfen – das heißt Eindringen in ihr tiefstes Geheimnis, ihr Verhalten bei Gefahr, ihre Visionen und Ängste. Situationen beschreiben, alle Sinne anzuregen und es nicht beim Visuellen zu belassen: Gerüche, Geräusche, Geschmäcker machen eine Szene lebendig.

Dann ging es los mit eigenem Schreiben. 3 kurze Sätze als Einleitung, dann hieß es, eine Geschichte zu entspinnen. Nach dem ersten Abschnitt dann der Blick auf die Adjektive. Wer hat wie viele verwendet. Wer dachte, damit seinen Text zu bereichern. Dass viele nichts sind als Karies und Krücken, hätte wohl keiner der Schreibteilnehmer gedacht. Was macht ein Adjektiv stark und welche – wie die meisten – können weg. Auch weg vom stereotypen Denken und dem Anlegen stereotyper Charaktere. Brüche einbauen, Erwartungen zuwiderlaufen. Um dies umzusetzen, bekamen alle Stichworte, die nicht nur in den Text verwurschtelt werden sollten, sondern zu einem zentralen Aspekt reifen sollten. Ungewohnte Hindernisse, mit denen jedoch alle erstaunlich gut zurechtkamen.

Die Schreibaffinen der 9. bis 13. Klasse hatten sich am schulfreien Studientag eingefunden, um über eigene Schreiberfahrungen hinaus professionelles Coaching zu erhalten. Da waren sie bei Antje Wagner, die selbst weit über ein Dutzend Bücher veröffentlichte und auch als Lektorin tätig ist, goldrichtig. Beidseitige Begeisterung, denn auch sie lobte die Beiträge der jungen Schreibtalente am KRG. Das zeigt exemplarisch der in kurzer Zeit mit „Hindernissen“ entstandene Text von Silvia Zöller aus der 11. Jahrgangsstufe. Wer da nicht weiterlesen will…:

Mein Kopf platze gleich. Ich öffnete die Augen, doch alles blieb dunkel. Was war hier los? Wo war ich? Ich blinzelte mehrmals, es blieb immer noch dunkel. Der Untergrund, auf dem ich lag, war hart und kalt. Es war generell kalt. Ich stand auf und versuchte meine Umgebung mit meinen Händen zu ertasten. Nichts, keine Möbel, gar nichts. Die Luft um mich herum war erdrückend, trotzdem holte ich einen tiefen Atemzug und schrie: „Hallo? Irgendjemand da? Leo?“

Mein Echo erfüllte den Raum, dann war es still. „Ist das mal wieder einer deiner Tricks, Primrose? Wenn ja, dann hattet ihr wohl jetzt euren Spaß. Hafdan ist als nächstes dran.“

Es blieb still. Langsam fühlte ich, wie meine Nase vor Kälte anfing zu schmerzen. Ich schniefte. Als ich anfing, loszulaufen, echoten meine Schritte zu mir zurück. Mit meinen Armen ausgestreckt, versuchte ich, eine Wand zu finden. Es stellte sich als schwerer heraus, als ich erwartet hatte. Nach einer Weile von nichts außer Leere, meinem Echo und der Kälte, die sich einen Weg durch meine Kleidung bahnte, blieb ich erneut stehen. Diesmal ein wenig verunsichert.

„Leo? Kannst du mich hören? Wenn ja, keine Sorge, ich werde schon einen Weg nach Hause finden. Ich werde ihn finden.“

Ich fühlte mich ein wenig sicherer, trotz der endlosen Stille. Ich lief weiter. Meine nackten Füße waren inzwischen taub von der Kälte des Betons. Ich stoppte nicht, um sie zu wärmen. Stattdessen lief ich weiter geradeaus, immer und immer weiter. Doch da war nichts. Ich hielt an, und dachte nach.

Es knallte ganz in meiner Nähe, und ich schrak zurück.

Es knallte ganz in meiner Nähe, und ich schrak zurück, tippte er und sah vom Laptop hoch. Sein Blick fiel auf die gebrochene Fliese aus den Sechzigern. Er müsste sie irgendwann mal ersetzten. Er hatte kein Geld dafür. Rechts neben ihm brummte sein alter Ventilator, der die Hitze ein wenig mehr erträglich machte. Doch er war unglaublich laut und hatte ihn schon mehrmals aus den Gedanken gerissen. Thomas brauchte einen neuen Ventilator. Er hatte kein Geld dafür. Durch die kaputte Dichtung seines Badezimmerfenster zog der Gestank von Zigaretten, der von der benachbarten Bar verursacht wurde. Jemand müsste mal kommen, und die Dichtung reparieren. Er hatte kein Geld dafür.

Thomas fluchte als er sich eine andere Pose in seiner Badewanne suchte. Das kalte Wasser und die wenigen Eiswürfel waren seine einzige Freude in dieser grauenhaften Hitze. Er spritze ein wenig Wasser auf das Holzbrett, das als Tisch für seinen Laptop dienen sollte. Der Laptop blieb unverletzt, deswegen kümmerte er sich nicht weiter. Er schaute durch sein kleines dreckiges Badezimmer. Jeder dritte Freitag war sein Putztag, aber er musste sich ans Schreiben setzen.

„Verdammter Skandal, war zur Hölle musstest du mir die Arbeit versauen“, grummelte er leise. Er stand langsam auf und lief tropfend in die kleine Küche im benachbarten Raum. Dort hing sein Fernseher, den Thomas anstellte. „Wir haben neue Informationen zu dem Skandal, der sich um den Blaumeier Verlag-“, fing die Sprecherin an, doch Thomas stellte den Fernseher wieder aus.

Er grummelte und kratze sich am Po. Sein Blick fiel auf den Kasten in der Ecke. Er konnte sich nicht entsinnen, was drinnen war. Thomas bückte sich und öffnete sie. Schwarze Farbe. Richtig, er wollte die Wände streichen. Schweiß lief ihm über die Stirn. Es war so heiß. Die Farbe sah so kalt aus. Er stippte seinen kleinen Finger in die Farbe. Sie war wirklich kalt. Am liebsten hätte er sich reingelegt. Er mochte die Dicke der dunklen Flüssigkeit, sie war besser als das Wasser. Ohne weiter drüber nachzudenken, hängte er seine Füße in die Farbe und entspannte ein wenig.

Plötzlich klingelte es. Er stand mürrisch auf und ging zur Tür. Dort zog er sich einen zu kleinen und dreckigen Mantel an und öffnete die Pforte. Vor ihm stand eine junge Frau.

Silvia Zöller